Es blieb nur DIE FLUCHT
Stefan Reichhart mit dem Gedächtnisbericht von Peter Schöner

Biografische Wirklichkeit, literarisch erzählt

2020 fiel Stefan Reichhart der »Gedächtnisbericht über Kriegs- und Kriegsfolge-Erlebnisse der Jahre 1944 bis 1945« von Peter Schöner in die Hände. Dessen Verfasser war der Sohn eines Freundes seines Großvaters. Der Bericht war bereits 26 Jahre zuvor entstanden, Peter Schöner seit sieben Jahren verstorben.

Die 39 Schreibmaschinenseiten in einem roten Schnellhefter fesselten den Autor. Er konnte nicht aufhören zu lesen. Darin stand unter anderem:

»Paul und André verbreiteten auch die Schreckensnachrichten der Euthanasie an ›unwertem‹ Leben (Kranke) und der schrecklichen Zwangstötung der Juden. Ersteres wussten wir absolut sicher, weil Andrés jüngste Schwester Agnes auf diese Weise am 23.03.1943 umgebracht worden war – wie eine geheim durchgeführte ärztliche Untersuchung ergeben hatte.«

Über den Zinksarg, den nächtlichen Einbruch ins Sarghaus und die heimlich durchgeführte Obduktion berichtete Peter Schöner in seinem Gedächtnisbericht nichts. Diese Geschichte kannte der Autor aus der eigenen Familie jedoch sehr viel genauer: Sein Großvater hatte schließlich als einer der »Verschwörer« die Laterne gehalten, während der belgische Spiritaner-Pater Schmetz den Luftröhrenschnitt vornahm.

Zugleich enthielt der Gedächtnisbericht zahlreiche Begebenheiten, die wie die Handlung eines spannenden Films oder Abenteuerromans wirkten. Schnell stand fest: Diese Geschichte musste erzählt werden.

Eine zweite Lebensgeschichte

Noch bevor die Recherchen richtig Fahrt aufnahmen, war klar, dass nicht nur der Geschichte des widerständigen Großvaters mütterlicherseits nachgespürt werden sollte. Gleichberechtigt trat die Lebensgeschichte des österreichischen Großvaters väterlicherseits hinzu – und damit eine weit schwierigere Annäherung.

Gerade die Ambivalenz dieser Familiengeschichte bot die Gelegenheit, die damalige Zeit in ihrem Spannungsfeld darzustellen: Beide Großväter handelten aus tiefer Überzeugung – der eine im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, der andere in früher und aktiver Hinwendung zu ihnen.

Auf der väterlichen Seite stand ein Mann, von dem der Autor bereits wusste, dass er ein glühender Anhänger der Nationalsozialisten gewesen war. Doch erst die Recherchen zeigten, wie früh und aktiv er sich für den »Anschluss« Österreichs an Hitlerdeutschland eingesetzt hatte: als »illegaler« Nationalsozialist, beteiligt an konspirativen Aktionen gegen den österreichischen Staat. Beim Einmarsch in das Sudetenland und später bei der Besetzung der sogenannten »Rest-Tschechei« war er jeweils ganz vorn dabei.

Später meldete er sich freiwillig zum Fronteinsatz, landete jedoch in Frankreich beim militärischen Geheimdienst, der deutschen Abwehr. Mehrfach entging er nur knapp dem Tod.

Klare Rollenverteilung?

Die nationalsozialistische Ideologie und ihre verbrecherischen Methoden scheinen die Rollen zunächst eindeutig zu verteilen: hier der Held, dort der Schurke. Doch ist es wirklich so einfach?

Beide Männer handelten nach tiefen Überzeugungen. Wer ihren Geschichten nachspürt, stößt auf faszinierende und verstörende Lebensläufe, auf Widersprüche, Abgründe und Grauzonen. Gerade dadurch kann ein tieferes Verständnis für eine Zeit entstehen, die unsere Gegenwart bis heute prägt.

Der Roman und seine Quellen

Der Roman wechselt kapitelweise zwischen den beiden Lebensgeschichten. Dabei sind viele der geschilderten Begebenheiten so dramatisch, dass sie leicht für Fiktion gehalten werden könnten.

Um ihre historische Grundlage sichtbar zu machen und die Ereignisse noch eindringlicher werden zu lassen, findet sich am Ende des Buches zu jedem Kapitel ein eigener Anmerkungsteil. Dort werden Quellen genannt, zeitgeschichtliche Zusammenhänge erläutert und – soweit vorhanden – Fotografien gezeigt. So lässt sich der Roman entweder ungestört lesen oder Kapitel für Kapitel vertiefen.

Und die Geschichte endet nicht mit dem Krieg: Anfang der 1960er-Jahre begegnen sich die beiden Männer erstmals persönlich. Ihre Kinder haben zu diesem Zeitpunkt längst ein gemeinsames Leben begonnen.

Bibliografische Daten

  • Titel: Es blieb nur die Flucht
  • Autor: Stefan Reichhart
  • Genre: biografischer historischer Roman
  • ISBN: 978-3-8234-0062-2
  • Preis: 18,90 EUR [D] · 19,40 EUR [A]
  • Erscheinung: geplant Sommer 2026
  • Umfang: ca. 444 Seiten
  • Ausführung: Klappenbroschur mit Fadenheftung